Bisschen Panne oder nicht? – die glänzende Neuauflage von Samt

 von Silke Bücker 

Dass Trends polarisieren ist ja auch ein bisschen Absicht, denn je größer die Provokation, desto nachhaltiger die Aufmerksamkeit. Im Zuge anhaltender Revivals in der Mode wurde jüngst ein Material aus der Kiste gezaubert, an dem sich die Geister – schon immer – scheiden. Bei mir weckte die Renaissance von Samt, wie sie aktuell beispielsweise Valentino, Vetements, Comme des Garçons, Giorgio Armani, Saint Laurent oder Céline zelebrieren, spontanes Entzücken. Immerhin bekannte ich mich als Teenager und im Zuge meiner bedingungslosen Verehrung für Robert Smith zu einem Look, der sich locker in jeden Trauerzug einreihen konnte und dort wo ich herkomme blankes Entsetzen auslöste: Ich trug ein Pannesamt-Shirt zu Spitzenrock und Jeansjacke, schwarzer Rippstrickstrumpfhose, 8-Loch-Doc Martens, hennarotem, mittelgescheiteltem Haar, fetten Kajalstift-Balken unter den Augen und einer durch und durch melancholischen Grundstimmung. Diese Zeit war intensiv und stellte Weichen, so schloss ich Samt per se in mein Herz ♥

Seine Schwere, seine Eleganz, sein luxuriöser Appeal, seine Opulenz – all das macht die Anziehungskraft aus – wenngleich der Duft von Patchouli und Räucherstäbchen immer ein kleines bisschen mitschwingt.

Und gleichzeitig ist Fingerspitzengefühl gefragt, wenn es um eine moderne Interpretation geht. Denn es wird ziemlich schnell zu viel…

Vetements backstage moment shot by: sonnyphotos.com

 

So zeigt das Beispiel Saint Laurent – vielmehr Hedi Slimanes letzte Pre Collection für das Haus – wie man Samt besser nicht auf den Leib schneidern sollte. Mit Verlaub, geschätzter Hedi – aber ein goldgeränderter Wallewalle-Umhang zum Leo-Kleid in Midi-Länge?  Da sehe ich rot – das ist schon eine ziemliche Parodie auf den guten Geschmack. Dass es um Meilen besser geht, zeigen andere Beispiele, etwa Céline. Phoebe Philos kanarienvogelgelbe Pannesamt(!!!)-Hose wurde umgehend auf meiner Wunschliste der leider unrealistischen, weil höchst kostspieligen Mode-Investitionen notiert, als sie mir ihm Rahmen eines Shootings unterkam. Sie ist wohl das, was man einen Hingucker nennt, der sich beispielsweise ‚down to earth’ mit Sweater und Turnschuhen oder klassisch-elegant mit Seidenhemd und Stiefeletten geschmackvoll komplettieren lässt. Generell gilt beim Thema Samt: Keep it simple!

Gut ausbalancieren kann man die Wucht des Materials, indem man in der Gesamtaussage möglichst pur bleibt und weder zu viel Farbe noch andere „Effektmaterialien“ addiert, vielleicht sogar eher ein bisschen nachlässig wird, im Styling.

So wie es Vetements vormacht, mit androgynen Suits zum Karohemd, wobei viel Glanz auf der Hüfte nicht unbedingt ein optischer Schlankmacher ist. Denn auch das ist eine Wahrheit: Samt trägt auf. Nicht so wiederum bei den fließenden Traumkleidern von Valentino, die gleichermaßen durch feminine Eleganz sowie Raffinesse im Detail überzeugen. Ein simpler Rolli und blickdichte Strümpfe modernisieren die romantische Attitüde, das bisschen Retro-Charme darf bleiben. Dazu würde sogar eine Jeansjacke gut gehen. So wie damals mit 14, irgendwo da draußen auf dem Land.

 


 

 

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